Mobile Fanbotschaft bei der WM 2014 – Deutsche Fans in guten Händen

Im Dezember 2013 kam die Nachricht von der Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS). Aus knapp zwanzig Bewerbern wurden vier Fanprojekt-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die „Mobile Fanbotschaft“ während der WM 2014 in Brasilien ausgewählt. Darunter auch ich. Die Freude war sofort sehr groß, gleichzeitig kamen mir aber auch die ersten „organisatorischen Fragezeichen“ in den Kopf. Brasilien ist ein riesiges Land, welches einige besondere Bedingungen für seine Besucher bereithält. Die Amtssprache ist portugiesisch, englisch wird wenig bis gar nicht gesprochen. Bereits im Sommer 2013 gab es große Proteste, mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerung, Polizei und Politik. Völlig unklar war, wie es um die Stimmung „im Land des Fußballs“ stehen würde. Die Arbeit der mit der mobilen Fanbotschaft und für die deutschen Fans würde definitiv etwas völlig anderes sein, als die Fanprojektarbeit in Osnabrück, rund um den VfL und seine Fans. Trotz allem überwog das Interesse an einem neuen Land, einer neuen Kultur und einer besonderen beruflichen Erfahrung in einem speziellen Arbeitsumfeld. Dank der Unterstützung durch die Stadt Osnabrück, die mich für die „WM-Zeit“ an die KOS „abgestellt“ hat, wurde dieses Erlebnis letztlich möglich.

Brasilien und die WM – viele Eindrücke und kaum Zeit

Bei einem dreitägigen Vorbereitungslehrgang lernte sich unser Team ausführlich kennen. Vertreten waren vier Fanprojekt-MitarbeiterInnen (Hoffenheim, Gelsenkirchen, Magdeburg, Osnabrück), ein Fanbeauftragter (VfB Stuttgart), drei Journalisten/Fotografen/Grafiker, zwei MitarbeiterInnen der KOS und der Fanbeauftragte des DFB. Vielen Details zur Arbeit konnten im Vorhinein geklärt werden, die grundsätzliche Idee und Ausrichtung der Arbeit wurde festgelegt. Ziel der mobilen Fanbotschaft sollte es sein, durch ein gutes Netzwerk (Fanbotschaft, DFB, Deutsche Botschaft) an den jeweiligen Spielorten schnell, unbürokratisch und gesichert Informationen und Hilfestellungen für die deutschen Fans bereit zu halten. Darüber hinaus wurde die Geschichte des „Helmut“ weitergeschrieben. Zu jedem Spieltag würde ein Spieltagsheft produziert, welches die Fans mit den wichtigsten Informationen zum Spielort, Stadion und Gegner versorgt. Darüber hinaus wird in jedem Heft über die (kulinarischen) Besonderheiten der Region berichtet und durch die Mitarbeiter der Fanbotschaft eine Art Tagebuch mit den persönlichen Eindrücken von Land und Turnier gegeben.

Die Fanbotschaft startete ihre Arbeit vor Ort in Salvador auf dem „Praca da Se“, einem zentralen Ort im historischen Kern der Küstenstadt. Schnell wurde den Mitarbeitern klar: Es sind sehr viele Deutsche nach Brasilien gereist, die Infos der Fanbotschaft waren sehr begehrt und es gab einen wahren Ansturm auf das Fanzine „Helmut“. Über 2000 Exemplare des A5-Heftes wurden an jedem Spieltag verteilt, bei sieben Spieltagen macht das knapp 14000 verteilte Hefte und damit 14000 Kontakte zu deutschen Fans – Mindestens.

Die Vorfreude auf die Spiele der Nationalmannschaft war bei allen spürbar, die Stimmung absolut positiv. Das Erlebnis Weltmeisterschaft fesselt die Fans der verschiedenen Nationen übergreifend und sorgt für eine besondere Atmosphäre. Mit dem 4:0 im Auftaktspiel gegen Portugal entfachte das deutsche Team nochmals die Euphorie und die Gewissheit stieg: Das kann eine erfolgreiche WM aus deutscher Sicht werden. Auf den erfolgreichen und so positiven Start folgte allerdings Ernüchterung im zweiten Spiel und im zweiten Spielort. Die Nationalmannschaft mühte sich gegen eine sehr gute ghanaische Mannschaft nach Rückstand zu einem 2:2, doch selbst das rückte ein Stück weit in den Hintergrund. Der Spielverlauf war für die deutschen Fans von Diskussionen und Auseinandersetzungen mit Ordnungsdienst und Militärpolizei geprägt. Entgegen der Ankündigungen der FIFA und ihres eigenen Stadionverhaltenskodex, wurden nahezu alle Zaunfahnen im Stadion, zum Teil und Anwendung von Gewalt, entfernt. Diese Vorgehensweise war für alle unverständlich und selbst für den DFB und seine Funktionäre nicht nachvollziehbar. Für die Fanbotschaft stand nun auch im Vordergrund zum Teil entwendete Fahnen wiederzubeschaffen und möglichst schnell den Besitzern zurück zu geben. Da kein offizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes englisch spricht, ein kompliziertes Unterfangen. Letztlich konnten einige Fahnen, längst aber nicht alle, zurückgeholt werden. Ein trauriges Erlebnis und erneut ein schwerer Einschnitt in die Auslebung der Fankultur durch einen Fußballverband.

Vorab: Dieses Verhalten der Sicherheitsinstitutionen zog sich bis zum Finale, nicht nur bei Spielen mit deutscher Beteiligung, durch. Selbst als der DFB intervenierte und um einen angemessenen Umgang mit der „Zaunfahnen-Kultur“ bei den weiteren Spielen bat bzw. sich sogar für eine geplante Choreografie der Deutschland-Fans einsetze, besserte sich die Situation nicht – keine Ausnahmen für den DFB lautete die Antwort der FIFA.

Neben weiteren großen logistischen und organisatorischen Problemen (mangelhafte Catering im Stadion, Bannmeile über 1,5 Kilometer rund um das Stadion, fehlende Infrastruktur für den Transfer zum Stadion und vom Stadion weg, unfertige Stadiongelände etc.), waren die „Zaunfahnen-Problematik“ eines der größten Ärgernisse, so dass sich bis einschließlich der Siegesfeier immer wieder deutlicher Protest gegen die FIFA und ihren Chef Sepp Blatter regte.

Das „Sintflut-Spiel“ in Recife gegen die USA war da noch das geringste Problem. Starker Regen vor und auch am Spieltag machten die Anreise zum Stadion (ca. 30km außerhalb des Stadtkerns) zu einem echten Abenteuer. Kaum aus dem Hotel raus, war unser Team bereits durchnässt. So erging es den meisten Fans ebenfalls. Der dauerhafte Regen führte dazu, dass sich auf den Zuwegungen das Wasser staute und auch im direkten Umfeld und sogar auf dem Stadiongelände bildeten sich kleine Seen. Trockenen Fußes zum Stadion zu kommen, war wohl nur für die VIPs möglich, die direkt in die Tiefgarage des Stadions fahren konnten.

Nach dem die Gruppenphase erfolgreich gemeistert wurde, ging auch für uns die KO-Spielphase los. Das heißt konkret auch: Statt vier Tage zwischen den Gruppenspielen, folgten die Ko-Spiele bereits am dritten Tag. Wenig Vorbereitungszeit für die Fanbotschaft, denn allein bei den Inlandsflügen am Tag nach dem Spiel geht fast ein ganzer Arbeitstag verloren. Die erfolgreichen Spiele der Nationalmannschaft, gepaart mit einigen Zitterpartien (Algerien, Frankreich), helfen dann aber immer wieder sich zu motivieren. Auf das Halbfinale gegen den Gastgeber Brasilien und dann das Finale wollte schließlich keiner verzichten.

Halbfinale gegen den Gastgeber – noch zwei Schritte bis zum Pokal

Das Halbfinale gegen Brasilien elektrisierte Brasilien und seine Torcidas genauso wie die vielen deutschen Fans vor Ort und in der Heimat. Zwischen 6000 und 7000 deutsche Fans in Belo Horizonte sollten es gewesen sein, die echte Fußballgeschichte erlebten. Den Gastgeber bei einer WM, in einem Halbfinale mit 7:1 zu schlagen und dabei in den nach den ersten 30 Minuten mit 5:0 zu führen gab es noch nie. Und das wird es wohl auch nie wieder geben. Die Fanbotschaft agierte beim Halbfinale an zwei Orten gleichzeitig. Im Stadtteil Savassi, der Innenstadt von Belo Horizonte und unmittelbar am Estadio Mineirao wurden die deutschen Fans mit allen notwendigen Informationen versorgt. Das Fanzine Helmut erlebte seine 21. Auflage und war erneut am Tag nach dem Spiel vergriffen. Entgegen aller Befürchtungen blieb es vor, während und nach dem Spiel insgesamt fair und ruhig. Uns ist von keinerlei Übergriffen zwischen deutschen und brasilianischen Fans berichtet worden. Zu klar war die Schmach der Halbfinal-Niederlage, zu groß der Unmut ob des eigenen Unvermögens „ihrer“ Selecao.

Einen Tag später stand dann auch der Finalgegner fest. Mühsam gewann Argentinien im Elfmeterschießen gegen die Niederlande. Dass die Brasilianer bei dieser Konstellation zu Deutschland halten würden, damit Argentinien, der Erzfeind, nicht in ihrem Land Weltmeister wird, ist logisch.

Nach dem Halbfinale ging es für uns ein zweites Mal in die berühmteste Stadt Brasiliens – Heimspiel in Rio! Ein zweites Mal stellte sich die Mobile Fanbotschaft an der Copacabana auf, unmittelbar am zentralen Anlaufpunkt für die deutschen Touristen. Die Ticketpreise stiegen, im Gegensatz zu den bisherigen KO-Spielen, sprunghaft in die Höhe. Zwischen 1000€ und 10000$ sollen auf dem Schwarzmarkt (an der Copacabana und dem Stadion) aufgerufen worden sein – pro Ticket. Das die Ticketvergabe durch die FIFA ein riesiges Problem darstellt, ist den Fachleuten und Fanarbeitern schon lange bekannt. Zu viele echte Fans stehen regelmäßig ohne Karte für „ihre“ Nationalmannschaft dar. Für Firmen, Funktionäre, Sponsoren und VIPS gibt es hingegen scheinbar unbegrenzten Zugang zu Karten für alle Spiele.  Die „kleinen Leute“ werden praktisch in den Schwarzmarkt getrieben und dann auch noch massiv von der Polizei ins Visier genommen. Zumindest schein ein Funktionär der FIFA mit seinem Tickethandel aufgeflogen zu sein. Er wurde noch während des Turniers festgenommen. Ob aber dadurch Besserung absehbar ist, bleibt fraglich.

Dennoch machten sich zwei Charterflüge des Fanclub-Nationalmannschaft für diese Spiel auf den langen Weg  nach Rio. In der Nacht vor dem Spiel ging es für die Gruppe los, direkt nach dem Finale wieder zurück. Viele weitere Deutsche reisten auch ohne Ticket an und wollten das Finale in Rio, in der Nähe des Maracana-Stadions erleben. Leider waren kaum Karten verfügbar, so dass sich viele Fans auf das Public Viewing beschränken mussten.

Das Finale selbst war dann ein traumhaftes Erlebnis. Leidenschaftlich unterstützende deutsche Fans, eine Nationalmannschaft die spürbar (auf den Rängen und auf dem Platz – Kramer, Schweinsteiger) alles gibt, um den Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft endlich wahr werden zu lassen. Ein sehr spannendes Spiel, in dem Deutschland die spielerisch und kämpferisch bessere Mannschaft stellte und auch in der Verlängerung den größeren Willen zeigte. Nach dem Tor von Götze kollektiver Jubel und Ausrasten auf deutsche Seite, bei den Argentiniern die Gewissheit, dass das Spiel wohl nicht mehr zu drehen ist.

Einzig störend bei der anschließenden Siegesfeier die überzogene, unpassende und viel zu laute Musik der Organisatoren, die die Gesänge der Fans nahezu überstimmten. Weitere Kritik an der FIFA, indem das gesamte Stadion zum Pfeifkonzert ansetzte, sobald ihr Chef Sepp Blatter auch nur kurz auf den Videowänden eingeblendet wurde. Merklich viel auch von unserem Team die Anspannung ab, die Freude über den Titel stieg und hielt den ganzen Abend an. Am Montag nach dem Final hieß es dann: Heimflug nach Deutschland.

Dass der Rückflug in einer Chartermaschine des DFB, gemeinsam mit Team erfolgte versprach natürlich nochmals Spannung. War vom Team kaum etwas zu sehen, gab es doch noch einen Bonus. Wir hatten Gelegenheit den WM-Pokal in unseren Händen zu halten und diesen Moment auf Foto zu verewigen. Ein Moment in dem irgendwie jeder wieder zum kleinen Kind wird und daran denkt wie er die ersten WM-Spiele und Titel der Nationalmannschaft gesehen hat. Ein großartiger und wohl auch einzigartiger Moment, der alle Mühen und Anstrengungen einer langen Reise vergessen lässt.

Die WM im Land des Fußballs – Was bleibt?

Wie die Stimmung in Brasilien kurz nach der WM und auf lange Sicht sein wird, ist schwierig einzuschätzen. Die Bevölkerung hat mit der aktuellen Auswahl an Nationalspielern abgeschlossen, die Selecao von Trainer Scolari (inzwischen entlassen) wird als noch größere Schande beschimpft wie die Elf von 1950, die ebenfalls im eigenen Land, allerdings im Finale den Pokal aus den Händen gab und gegen Uruguay verlor.

Wir trafen einige Torcidas von großen Vereinen in Brasilien (Vasco da Gama, Cuzeiro Belo Horizonte, Fluminense), die allesamt trübsinnig in die Zukunft blicken. Viele der WM-Stadien sind zu groß für das Fanaufkommen in den brasilianischen Ligen. Dazu kommen eine Preisstruktur für Eintrittskarten, die es vielen Fans nicht mehr möglich macht regelmäßig Spiele ihres Clubs zu besuchen. Das reine „Sitzplatzarenen“ nicht zum Stil der brasilianischen Fankultur entsprechen, ist da wohl noch das geringste Problem – es drohen leerstehende Stadien, die zu Bauruinen werden. Eine anderweitige Nutzung der Stadien als für Fußball ist nicht unbedingt möglich.

Bereits am Tag nach dem Final wird klar, dass die WM und ihre Folgen Thema im nun startenden Präsidentschaftswahlkampf wird. Das regierende Staatsoberhaupt Dilma Roussef versucht selbst aus dem Misserfolg der Selecao etwas Gutes zu ziehen und will den brasilianischen Fußball fördern. Viele Anhänger wird sie damit wohl nicht finden. Das „brasilianische WM-Turnier“ gilt als das teuerste aller Zeiten. Kolportiert werden Kosten zwischen 8 und 10 Milliarden auf denen das Land nun sitzen bleibt. Die FIFA wird hingegen wohl neue Umsatz- und Gewinnrekorde vermelden. Die TV-Vermarktung boomt. Ob die WM aber den oft erwähnten wirtschaftlichen Boom auslöst scheint doch eher unwahrscheinlich. Zunächst mal werden unzählige Saisonarbeitskräfte entlassen, ohne eine Aussicht anderweitig schnell Anstellung zu finden. Neben den „fertiggestellten“ Stadien türmen sich unzählige Bauprojekte, die offensichtlich nicht rechtzeitig zur Weltmeisterschaft fertig gestellt werden konnten. Wie deren Fertigstellung finanziert werden soll ist aktuell nicht ersichtlich. Die Brasilianer jedenfalls befürchten viele langwierige Baustellen und Projekte die nicht fertig gestellt werden. Die versprochene Nachhaltigkeit bleibt damit dann auf der Strecke.