Stellungnahme zum kollektiven Ausschluss von Gästefans in den Derbys 2015/2016

PDF-Download

Der VfL Osnabrück und der SC Preußen Münster haben sich einstimmig mit Polizei, Innenministerium und dem DFB auf den kollektiven Ausschluss von Gästefans in den Derbys zwischen dem VfL Osnabrück und Preußen Münster für die Saison 2015/2016 geeinigt. Die sicher weitreichenden Folgen dieser Maßnahme sind noch nicht abzusehen.

Die Verantwortlichkeit der Vereine kann nicht außerhalb des Stadions aufhören

Die Erfahrungen aus anderen Fußballstandorten Deutschlands zeigen bisher: Teil- oder Komplettauschlüsse von Fangruppen führen zu „Verdrängungseffekten“. Das letzte Spiel des VfL Osnabrück gegen Arminia Bielefeld hat dies dem Verein und den Sicherheitsbehörden eigentlich deutlich vor Augen geführt: Trotz reduziertem Gästekontingent und „Postleitzahlensperre“ im Ticketing fanden Bielefelder Fans eine Möglichkeit, in großer Zahl an der Bremer Brücke ihre Mannschaft zu unterstützten. Mindestens 400 Fans hatten sich Tickets für andere Stadionbereiche organisiert.

Voraussichtlich wird es am Derbytag im Gästeblock zu keinerlei negativen Vorkommnissen kommen. Das der Spieltag aber „reibungsfrei“ ablaufen wird, ist mehr als unsicher. Eine Demonstration von 500 SCP-Fans im Stadtgebiet, eventuell eine Kundgebung am Hauptbahnhof. Der Fokus verschiebt sich – vom sportlichen Ereignis hin zu unterschiedlichsten Protestformen. Die vergangenen Spiele haben gezeigt, dass Reisewege nie gänzlich zu kontrollieren sind. Immer wieder tauchten Fangruppen in der Innenstadt und rund um das Stadion auf. Auch hier, abseits des Stadions, kam es zu Verletzten. Die unverständliche Terminierung des Spiels auf einen Mittwochabend durch den DFB, trägt ihr übriges zu einer unübersichtlichen Situation in der Nachspielphase bei. Es greift also zu kurz, zu glauben, ein Komplettausschluss löst die potentiellen Probleme eines Derbyspieltags. Auswirkungen unklar.

„Dialog“ hinter verschlossenen Türen – fehlende Einbindung der Fans

Intensiv wurde diskutiert, hieß es von Seiten der VfL- Verantwortlichen. In einem Treffen mit Vertretern verschiedener Fangruppen und des Fanprojekts wurde die Sichtweise der Fans zu möglichen Maßnahmen rund um das Derby abgefragt. Einstimmige Meinung aller Fanvertreter: Eine Kollektivbestrafung und damit Sippenhaft, hier in Form eines Komplettausschlusses von Gästefans, wird in aller Deutlichkeit abgelehnt und würde einen gravierenden Einschnitt in der Zusammenarbeit zwischen VfL und seinen Fans bedeuten. Explizit wurde unter anderem vom Fanprojekt auf die möglichen Konsequenzen solcher Maßnahmen hingewiesen. Bereits vorher hatte es mehrere Arbeitstreffen von Sicherheitsbehörden, Vereine und DFB gegeben, in dem die „Marschrichtung“ scheinbar schon festgelegt wurde. Im Übrigen ohne Einbindung der Fanbetreuung und Fanprojekte beider Vereine.

Weitere Treffen in der genannten Konstellation fanden statt, erneut ohne Einbindung der Fanarbeit, geschweige denn der direkten Anhörung von Fanvertretern. Somit fehlte jede Möglichkeit, auf die Einschätzung derer zurückzugreifen, die die Fankurven kennen und mögliche Reaktionen erläutern können. Erneut werden Maßnahmen, die die Fans betreffen „von oben aufgesetzt“. Dennoch sagten die Fans des VfL Osnabrück einem weiteren Treffen mit Geschäftsführung und Präsidium des VfL zu. Hier sollten die geplanten Maßnahmen präsentiert und mit den Fans ergebnisoffen diskutiert werden. Doch bereits in den Tagen zuvor wurde nach Informationen aus verschiedenen Kreisen klar: Längst scheinen alle Maßnahmen beschlossene Sache zu sein, der Komplettausschluss festgelegt. Verständlicherweise zogen sich die Fangruppen aus den geplanten Gesprächen zurück. Ein „Dialog auf Augenhöhe“, wie ihn sich die organisierten Fangruppen in Osnabrück seit langem vergeblich wünschen, sieht anders aus. Auswirkungen unklar.

„Gleiches Recht für alle“ – beide Derbys ohne Gästefans

Wie der VfL Osnabrück mitteilte, werden in der Saison 2015/2016 beide Derbys ohne Gästefans stattfinden. Dies sei eine Forderung des DFB gewesen. In diesem Zusammenhang wurden erneut die bisherigen negativen Vorkommnisse im Rahmen der Spiele seit 2011 medial aufbereitet. Plötzlich wurden Verletztenzahlen aufsummiert, so dass von 114 oder wahlweise 141 Verletzten in vier Jahren berichtet wurde. Leider fehlt bis heute eine explizite, ehrliche Aufarbeitung, gerade der Ereignisse im letzten Auswärtsspiel des VfL bei Preußen Münster. In der Berichterstattung der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ wird auch nicht erwähnt, dass die Straftaten im Umfeld von Spielen des VfL Osnabrück im letzten Jahr deutlich zurückgegangen sind. Trotz völlig unterschiedlicher Voraussetzungen an den jeweiligen Standorten, nicht vergleichbarer Vorkommnisse bei den einzelnen Spielen und mehrerer Monate die zwischen den Partien der Saison liegen, gleich für beide Spiel eine Gästeverbot festzulegen, spricht für die fehlende individuelle Bewertung der jeweiligen Ereignisse. Einmal mehr lassen die Sanktionen von Vereinen und Verbänden die Fans mit Irritationen und Unverständnis zurück. Auswirkungen unklar.

Der nächste Nackenschlag – Sippenhaft und Kollektivstrafe für die Ostkurve

Am vergangenen Freitag kam, passend zur Derbywoche, der Bescheid des DFB über die Sanktionen für die Tat des Feuerzeugwerfers.
Demnach bleibt die Ostkurve während der Spiele gegen die Amateure des VfB Stuttgart und gegen RW Erfurt geschlossen. Tausende Fans werden bei diesen Spielen in Sippenhaft genommen. Für die Tat eines Einzelnen im Spiel gegen Leipzig und für die nicht aufgearbeiteten Auseinandersetzungen zwischen wenigen Fans und Ordnern bzw. der Polizei im letzten Auswärtsderby.

Entgegen der Haltung der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, dass dieses Urteil noch als mild zu bewerten sei, ist das Unverständnis auf Seiten der Fangruppen groß. Sicher sollte ein Verein nicht für das Verhalten Einzelner, auf welches er ab einem bestimmten Punkt keinen Einfluss mehr hat, verantwortlich gemacht werden. Genauso unangemessen ist aber auch die Kollektivbestrafung von tausenden Fans in der Ostkurve, denen hier einmal mehr „der schwarze Peter“ zugeschoben wird.

Was ein Profifussballverein mit intensiven Vorbereitungen in Kooperation mit Feuerwehr, Polizei und Sicherheitsdiensten nicht leisten kann, sollen nun Fans in ihrer Freizeit schaffen? Der Idealismus von Funktionären, mit seinen Ligen „Premiumprodukte“ für die Vermarktung anzubieten, in deren Zusammenhang es nicht zu negativen Abweichungen kommen darf, wird erneut auf dem Rücken der Fans ausgetragen. Sie sollen verantwortlich gemacht werden, Stichwort „Gästeliste“, für Vorfälle die durch niemals gänzlich zu verhindern sind. Die Fans müssen ohne eigenes Verschulden als Sündenbock herhalten.

Es ist zu befürchten, dass sich die Abneigung gegen den DFB einmal mehr erhöht. Auswirkungen unklar.

Zurück zur Basis – die Kommunikation mit den Fans muss neu gelebt werden

Die Entwicklungen der „Derby-Maßnahmen“ haben den organisierten Fangruppen und dem Fanprojekt eines verdeutlicht: Die Kommunikation zwischen der Basis des Vereins, den Fans und der Geschäftsführungs-GmbH bedarf dringend einer Verbesserung. Gemeinsam mit dem Fanclubverband, dem Fanprojekt und der Violet Crew hat die Fanabteilung einen „Runden Tisch Fans“ wiederbelebt. Dieser soll künftig gewährleisten, dass alle fanrelevanten Themen auch tatsächlich mit Fans besprochen werden.

Das ehrenamtliche Engagement der verschiedenen Fangruppen das „Stadionerlebnis Bremer Brücke“ und den Verein positiv mitzugestalten, ist ein hohes Gut, dass eine angemessene Wertschätzung braucht.

Die Zusammenarbeit mit Fans muss unter der Leitlinie „So viel wie möglich“ stehen – aktuell stehen wir aber eher bei „So viel wie nötig“.

Hierzu gehört sicher auch ein hauptamtlicher Fanbeauftragter der sich voll und ganz auf seine zentrale Aufgabe konzentrieren kann – Bindeglied zwischen den Interessen eines Profifussball-Vereins und einer aktiven Fanszene zu sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen des VfL Osnabrück aus Präsidium, Geschäftsführung und Fanbetreuung nach den Erfahrungen vom 23.09.2015 künftig wieder auf einen ehrlichen und offenen Dialog setzen, der den Fans die Wertschätzung entgegenbringt, die sie verdienen.

Fanprojekt Osnabrück September 2015